Die Schweizer Newcomerin Sanaë ist so facettenreich wie das Leben selbst. Ihr Elektropop-Song “Dirty Soul” etwa erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in Bars die Liebe sucht, aber vor allem Sex findet. “Done With You” wiederum klingt, als hätten Carly Rae Jepsen und Robyn einen Trennungssong in-your-face geschrieben, sich dann aber dafür entschieden, lieber einen tanzbaren Radio-Hit daraus zu zaubern. In der Single “White Walls” dagegen thematisiert die Singer-Songwriterin die epileptischen Anfälle, an denen sie seit einer Hirnentzündung leidet. In der Klavierballade, die auch Lewis Capaldi oder Birdy nicht berührender hinbekommen hätten, singt sie vom “thunderstorm in the middle of my brain”, im Musikvideo streift sie in einem weißen Krankenhaushemd durch die Straßen, albert aber ebenso mit ihren Freundinnen am Fluss herum. Im Song “Craving” verarbeitet Sanaë eine lebensbedrohliche Hirnoperation, der sie sich unterziehen musste. Zeilen wie “I wrote some letters just in case, if i never leave this place” reißen einem beinahe das Herz heraus, beim Refrain “I’ve been craving, craving for some peace” wünscht man der jungen Frau nichts als Frieden. Denn der ist seit ihrer Jugend bedroht: Sanaë leidet an ME/CFS, also Myalgische Enzephalomyelitis bzw. Chronisches Fatigue-Syndrom, eine Erkrankung, die das Nervensystem und den gesamten Körper beeinträchtigt. An manchen Tagen kann die 24-Jährige nicht das Bett verlassen, gehen, denken. Doch trotz der Beeinträchtigungen stand für die Singer-Songwriterin eines fest: “Egal, was die Zukunft bringen mag, eines Tages mit Ausfüllen der Patientenverfügung war mir klar: Ich muss Musik machen.” Denn die war schon immer da.
Musik begleitet Sanaë seit ihrer Kindheit. Aufgewachsen in einem Dorf im Kanton Solothurn, wurde in ihrer Familie schon immer viel gemeinsam gesungen. Im Alter von sieben Jahren beginnt Sanaë, Cello zu lernen, es folgen Klavier und Gitarre. Als Teenager schreibt sie Gedichte, irgendwann werden daraus Lieder. Obwohl erste Symptome sie schon in ihrer Jugend heimsuchen, stemmt Sanaë ihr Berufsleben, wird Medizinische Praxisassistentin, absolviert darüber hinaus eine Ausbildung zum Stage Artist mit Schauspiel, Gesang und Tanz in Zürich. Dann jedoch holt die Krankheit sie wieder ein: Zusammenbrüche, Schmerzen, Angehörige müssen ihr beim Duschen helfen. Sie lernt, damit zu leben. “Ich bin eigentlich vom Typ her jemand, der ganz viel Energie hat, der gern total viel macht, am liebsten alles auf einmal! Durch die Gesamtsystemerkrankung bin ich aber gezwungen, Pausen zu machen, kürzer zu treten. Aber was immer geht, ist die Musik.” Und die ist aufregend, mitreißend, lebenslustig, getragen von starken Vocals. Diese Balance zwischen Tiefe und Schmerz einerseits, Leichtigkeit und Lebenslust andererseits macht die Kunst von Sanaë aus. Soll noch mal einer sagen, Popmusik sei oberflächlich! Bei der Singer-Songwriterin treffen authentische Lyrics über menschliche Verletzlichkeit auf organisches, analoges Arrangement, bei dem ihre Stimme und ihre Worte sich entfalten können. Das Piano atmet, die Drums wie Herzschläge, die Streicher wie Hände, die einen raus in die Welt ziehen. Ein Sound, als würde man an einem verregneten Herbsttag aus der Bibliothek treten, in der man gerade Kafka gelesen hat, und ein Sonnenstrahl dringt durch die Blätter.